„Das Thema ist in jeder Tagesschau“

Luisa Jilg,  12.07.2017
Seminarkurse des Limes-Gymnasiums stellen die Ergebnisse ihrer Arbeiten zum Thema „Migration“ vor
Welzheim. Nachdenkliche Zuhörer, aber auch stolze und erleichterte Schüler haben die Präsentationen des Seminarkurses am Limes-Gymnasium Welzheim zurückgelassen. Insgesamt 17 Gruppen haben die Ergebnisse ihren Arbeiten zum Thema Migration präsentiert und überraschten nicht nur mit einfallsreichen Einstiegen.

 

Wenn andere Schüler das Schulhaus längst verlassen haben, kommen einige Schüler der Jahrgangsstufe eins erst richtig in Fahrt. Ein letzter Blick auf die Karteikarten, dann kann es losgehen. Was bevorsteht, ist, wie Schulleiter Frithjof Stephan es nennt, „der krönende Abschluss“. Ein Jahr lang haben sich die Schüler, die den Seminarkurs gewählt haben, mit dem Thema Migration beschäftigt. „Das Thema in jeder Tagesschau“ noch vor gut einem Jahr, meint der Schulleiter einleitend. Der Seminarkurs fordert von den Schüler, die sich dafür in Teams zusammentun, eine schriftliche Arbeit sowie ein Kolloquium und eine abschließende öffentliche Präsentation. Ein Fach, „das über die Schule hinausreicht“, meint Frithjof Stephan. Es erfordere unter anderem Teamarbeit, das Einhalten einer festgelegten Form und natürlich die Fähigkeit, ein riesiges Gebiet auf den Punkt zu bringen. Vor gespannten Eltern, Mitschülern und Lehrern heißt es dann: Bühne frei für die Schüler.

Den Beginn machen drei junge Männer mit dem Thema Migration aus Nordafrika. Seit mehr als 40 Jahren herrsche dort ein brutaler Bürgerkrieg. Während sich Marokkaner und Polisarios gegenseitig bekämpfen, treiben die Menschen in Marokko, Libyen und Tunesien noch ganz andere Sorgen um. Dürre und unzählige Erdbeben machten den Menschen dort das Leben schwer, außerdem mangle es an grundlegenden Rechten, wie eine Karte veranschaulicht. Doch auch nachdem sie das Heimatland längst verlassen haben, hätten viele Flüchtlinge in den maßlos überfüllten Aufnahmelagern große Probleme.

Ein Thema, dass auch in der nächsten Präsentation noch einmal angesprochen wird. „Wissen Sie, wer oder was Jesiden sind?“, fragt eine der beiden Schülerinnen, die nun an der Reihe sind, ihre Partnerin. Etwas durcheinander gesteht die andere ihr Nichtwissen. Natürlich handelt es sich bei der kurzen Szene nur um den Einstieg, denn die Präsentation der beiden jungen Frauen zeigt: Sie wissen Bescheid. Am Beispiel einer aus dem Iran geflüchteten jungen Frau erläutern sie anschaulich das Schicksal vieler Jesiden. Die ethnoreligiöse Minderheit habe weltweit etwa 800 000 Anhänger, ein Zehntel davon lebe in Deutschland. Schon vor rund 4000 Jahre sei die Minderheit entstanden, seit einigen Jahren wird sie vom IS brutal verfolgt. Die junge Jesidin Nadia Murad schaffte es nach vielen schlimmen Erlebnissen während der Flucht und auch in den Aufnahmelagern nach Deutschland, berichten die Schülerinnen.

Integration von Minderheiten aus dem Balkan

Im folgenden Beitrag von drei Schülern geht es um die Migration von ethnischen Minderheiten aus dem Balkan. Nach einem ausführlichen Einblick in die Geschichte des Balkan regen sie im Fazit die Zuhörer zum Nachdenken an. Noch bis vor etwa 30 Jahren hätten sich Menschen in Albanien, Montenegro und dem Kosovo bis aufs Blut bekämpft und verfolgt, stellen sie fest. War es deshalb nicht vielleicht eine voreilige Entscheidung, diese drei Länder als sichere Herkunftsländer geltend zu machen, fragen die drei. Auch das Thema der nächsten Präsentation ist höchst aktuell. Die einen sagen, es gibt sie, die anderen sagen, es gibt sie nicht – die Rede ist von einer Islamisierung in Deutschland. Zwei Schülerinnen erklären in ihrem Vortrag, dass viele zwar denken würden, es handle sich bei der sogenannten Islamisierung um einen neuen Trend, eigentlich gebe es diesen aber schon seit dem 15. Jahrhundert. Heutzutage sei der Begriff allerdings sehr negativ geprägt. Grund dafür sei oft das Nicht-Wissen der Bürger zum Islam, was sich häufig in Angst äußern würde.

Bei der Frage „Wer fühlt sich ausreichend beziehungsweise gut über den Islam informiert?“ recken sich nur schüchtern einige wenige Hände in die Luft. Das spricht für sich. Was tut die Stadt eigentlich für eine gelungene Integration, wie sieht diese überhaupt aus und wo scheitert Integration? Mit diesen Fragen haben sich drei junge Frauen beschäftigt. Eine gelungene Integration fordert die Beteiligung aller Bürger, stellen sie fest. Am Beispiel eines Duisburger Stadtteils, in dem sich eine sogenannte Parallelgesellschaft aus Migranten gebildet hat, erläutern sie den Fall gescheiterter Integration. Offenheit, Toleranz, soziale Kontakte, viele Ehrenamtliche wie beispielsweise in Welzheim und vor allem Geduld braucht es ihrer Meinung nach, um die Integration erfolgreich zu gestalten.

Auf das Stichwort Toleranz geht die nächste Gruppe näher ein: „Wie ist die Toleranz gegenüber anderen Religionen und Kulturen in Deutschland ausgeprägt?“ lautete die Leitfrage der beiden Schülerinnen. Sie präsentieren ihre eigenständige Untersuchung, die für jede Gruppe ein wichtiger Teil der Arbeit ist. Sie kann ein Experiment oder ein Interview, aber auch wie in diesem Fall eine Befragung von mehreren Personen sein. Flüchtlinge sowie deutsche Bundesbürger haben sie befragt und sind dabei zu dem Schluss gekommen, dass eine allgemein hohe Toleranz gegenüber anderen Religionen und Kulturen herrscht – und das trotz der vielen Ängste, die beim Thema Islamisierung bereits angesprochen wurden.

Die beiden finalen Präsentationen beschäftigten sich mit den USA als Einwanderungsland. Über die mehrfache Entdeckung der Staaten, unterschiedliche Bevölkerungsgruppen, ihre Herkunft, und den Einfluss des „American Dream“ handelt die Präsentation von zwei Schülerinnen. Ganze 13 Prozent der Bevölkerung der USA seien nicht dort geboren, erklären sie.

Drei Schüler haben sich mit den Beweggründen und Folgen der Migration in die USA auseinandergesetzt. Und sie stellen fest: Oft gehe die Vorstellung, die ein Migrant von seinem zukünftigen Leben in den USA habe, nicht mit der Realität einher. Daher komme es zu Armut, Unzufriedenheit und deshalb auch zu einer gespaltenen Bevölkerung.

Und dann ist es geschafft, der krönende Abschluss. Wer bis zum Ende geblieben ist, hat „die ganze Palette miterlebt“, meldet sich Schulleiter Frithjof Stephan noch einmal zu Wort. Die ganze Palette von Präsentationen mit spannenden politischen und gesellschaftlichen Themen, die die Zuhörer zum Nachdenken anregen.

Bei den Schülern überwiegt allerdings ein Gefühl: Freude, Erleichterung und zu Recht Stolz über den Abschluss des Seminarkurses.

Foto: Alexandra Palmizi