Literatur als Geschichtsunterricht erleben

Lesung mit dem Autor Gunnar Kunz am Welzheimer Limes-Gymnasium

Jugendhaft leichtfüßig tänzelt der Berliner Autor Gunnar Kunz durch den Schüleraufenthaltsraum des Limes-Gymnasiums. Neugierig blickt er sich um, nimmt den Raum für sich ein. Lesungen sind für den Schriftsteller von Kinderbüchern, Reiseberichten und Kriminalromanen nichts Fremdes. Er setzt sich lässig vor den Schülern der Jahrgangsstufe neun auf den Tisch. Er will gehört werden, hat was zu sagen.

Auf Einladung der Reinhold-Maier-Stiftung ist Kunz derzeit in Süddeutschland und stattet Welzheim einen Besuch ab. Immerhin ist der erste Ministerpräsident und Namensgeber der Stiftung Ehrenbürger der Stadt Welzheim.

„Literatur kann Geschichte oft besser und anschaulicher vermitteln als Quellen und Sachtexte“, ist sich der Geschichtslehrer Jörg Brehmer sicher. Im Unterricht sind in der Klasse 9 unter anderem die Weimarer Republik und das Dritte Reich Thema. Begleitend wird dazu derzeit „Die Welle“ von Morton Rhue gelesen – und eben auch Ausschnitte aus Gunnar Kunz neuestem Roman „Schwarze Reichswehr“. Harmlos und fast sofort ins Flair der 1920er Jahre Berlins entführt der Prolog des Krimis: Ein Weihnachtsmann wird im Kaufhaus Knall auf Fall erschossen. Ein Einstieg, der zum Weiterlesen einlädt.

Kunz liest engagiert und gibt seinen Figuren eine Stimme. Der ruhige und bedächtige Kommissar Gregor Lilienthal, der in den „wilden Zwanzigern“ eine sachliche Ausstrahlung und nüchtern-analytische Kriminalistik an den Tag legt, sieht sich mit seiner eigenen Vergangenheit als Soldat des Ersten Weltkriegs und dem unvorstellbaren Leid der Frontsoldaten konfrontiert. Mit nüchterner Brutalität schafft es Kunz, unaufgeregt in die medizinischen Foltermethoden der damaligen Behandlungen psychisch und körperlich Geschädigter einzudringen. Schneidige Offiziere und Ärzte, welche die Mehrzahl der Erkrankten für Simulanten hält, kommen ebenso vor wie ein Major, der später als „Major von Mörike“ im Reichswehrministerium wieder preußisch-zackig den Ton angibt. Auch die aufkeimende und wuchernde NS-Bewegung wird 1927 schon dargestellt. Joseph Goebbels tritt kühl-provozierend und dennoch schmierig auf. Der Autor versteht es, die perfiden Beschönigungen in wenigen Sätzen herauszustreichen. Die militärischen Schießübungen der Braunhemden in Uniform deklariert „der Doktor“ kurzerhand euphemistisch als Freizeitbeschäftigungen von Kegel- und Sportvereinen. Die Ohnmacht der Staatsgewalt springt einem förmlich entgegen. Und auch ein gewisser (noch) unbekannter Horst Wessel hat einen kurzen Auftritt beim Dichten eines Liedes – „irgendwas mit Fahnen“.

Die Schüler sind bereit und hatten sich schon vor der Lesung mit Papier und Stiften ausgestattet. Fleißig werden merkenswerte Passagen und Fragen notiert. Nach gut 40 Minuten Lesung wird diskutiert. Die nachgemachten Stimmen haben den Schülern gefallen. „Das macht die Geschichte wirklich nachvollziehbar“, sagt Lauryn Hölzl, die sich mit Literatur bestens auskennt und engagiert dabei ist. Die Schüler diskutieren die Frage, ob das nun eine Geschichts- oder eine Literaturstunde gewesen sei. Die Meinungen gehen auseinander. Einig ist man sich, dass Geschichte so viel besser und spannender, ja viel nachvollziehbarer wird.

Gunner Kunz erläutert auf Nachfragen, dass alle historischen Fakten genau und penibel recherchiert sind. Etwa ein Jahr braucht er für einen Roman. Die Kriminalgeschichte ist erfunden, aber die Äußerungen der historischen Personen sind authentisch; etwa die perfiden Anmerkungen des Joseph Goebbels sind dessen Tagebüchern entnommen. Der Autor gibt sehr gerne Auskunft über seine Arbeitsweise und berichtet, dass er Historisches im Wesentlichen aus vier Quellen schöpft: Da sind zum einen Bücher, Bücher, Bücher, dann die Tageszeitungen von damals, Expertengespräche und durchaus auch das Internet, das allerdings den kleinsten Teil der Recherche ausmache.

Kunz’ Antrieb war sein eigener Geschichtsunterricht, aus dem er „eigentlich nichts mitgenommen“ hat und dennoch das Gefühl hatte, dass man unbedingt wissen muss, wie aus der Weimarer Zeit die Nazis-Herrschaft werden konnte. So haben seine Krimis durchaus auch einen Bildungsauftrag: „Ich will die Geschichte der Weimarer Republik erzählen!“ „Schwarze Reichswehr“ ist der sechste Kriminalband seiner Reihe. Die Protagonisten bleiben die gleichen und die Krimis kann man der Reihe nach lesen. Sie sind aber auch jeder für sich verständlich und abgeschlossen. Auf Nachfrage verrät der freischaffende Autor, dass es zwölf Bände werden, der letzte werde im Jahr 1934 spielen. „Man muss auch verstehen, warum der Hitler nach einem Jahr nicht wieder weg ist!“

Selbstverständlich verrät Kunz nicht, wie die Kriminalgeschichte ausgeht. Dazu müsse man das Buch schon lesen, meint er verschmitzt. „Die Doppelstunde ist schnell vorbeigegangen“, merkt ein Schüler nach gut 90 Minuten zufrieden an. Gunnar Kunz bedankt sich für die freundliche Aufnahme und die angeregte Diskussion. „Es war schön bei euch.“

ZVW, 09.04.2019