Ob Regen, ob Sonne – die Stimmung passt

Trotz zeitweise sehr schlechten Wetters am Freitag haben sich die Teilnehmer auf den Plätzen des VfL und FSV Waiblingen die Laune nicht verderben lassen

Ausgerechnet an jenem Tag, als die Sportabzeichen-Tour des Deutschen Olympischen Sportbundes Station in Waiblingen gemacht hat, goss es zeitweise in Strömen. Doch die rund 1700 Schüler, die am Freitagvormittag auf den Sportplätzen des VfL und FSV Waiblingen liefen, sprangen und warfen, ließen sich davon nicht beeindrucken. Und nachmittags, als die traditionell zarter besaiteten Erwachsenen die Gesamtteilnehmerzahl auf über 2000 schraubten, war es zum Glück trocken – überwiegend.

 

Der Tag beginnt, nicht verwunderlich bei 1700 Kindern, wuselig. Schüler aus neun Schulen reisen an. Derweil fällt in der Kommandozentrale ein Drucker aus, Hektik kommt auf. Aber die begleitet die Aktion den gesamten Tag über. „Aus der Bahn!“, ist der meistgehörte Ruf.

Um 8 Uhr sitzen zwei der Promi-Sportler, die den ganzen Tag über vor Ort sind, noch entspannt auf einer Bank. Frank Busemann, olympischer Silbermedaillengewinner im Zehnkampf 1996, und der zigfache Paralympicssieger im Skifahren, Gerd Schönfelder, schauen sich gegenseitig ins Handy und haben Spaß miteinander. Den verlieren sie auch später nicht, vor allem Busemann.

Derweil rückt eine Schülerkolonne nach der anderen an. Spitzenreiter ist das Limes-Gymnasium Welzheim mit fast 500 Schülern, die Salierschule Waiblingen bringt es auf rund 300. Der Platz füllt sich, und es wird nass. Der Regen ist am Vormittag ein ständiger Begleiter. Gegen 10.30 Uhr müssen die Sportaktivitäten unterbrochen werden. Zu nass, zu rutschig auf der Bahn. Dann geht’s wieder weiter.

Busemann ist nass bis auf die Haut: durch den Regen und seinen Einsatz. Er begleitet Schülergruppen beim 50-Meter-Sprint. Erst weist er sie ein, dann sprintet er mit ihnen, während er sie gleichzeitig anfeuert, macht im Ziel sofort kehrt und läuft zur nächsten Gruppe. „Heute stehen 40-mal 50 Meter auf dem Trainingsprogramm“, scherzt er.

Der 44-Jährige ist mit kindlicher Freude und ganzem Herzen dabei – mittlerweile. Denn als er vor elf Jahren gebeten wurde, die Sportabzeichen-Tour zu begleiten, habe er gedacht: „Sport mit Kindern? Die haben doch alle keine Lust.“ Doch er machte mit, und 50 Tourstopps später sagt er: „Es ist einfach spitze, wenn Kinder Freude an der Bewegung haben. Ich habe jetzt fast 150 000 Kinder gesehen, und davon hatten gerade mal fünf keine Lust.“ Am meisten gefalle es ihm, den Sprint zu begleiten. Es sei nämlich schwer, in der Kürze der Zeit die Weitsprungtechnik zu erklären – oder die beim Ballweitwurf. „Die werfen dann meist erst mal weniger weit und denken: Was erzählt mir der Kerl denn da?“

Waiblingen birgt noch eine weitere Gefahr: Bei so einem Regen wie hier sei der Weitsprung ein bisschen gefährlich. „Da muss man aufpassen, dass man sich nicht die Haxen verrenkt.“ Busemanns Bestleistung liegt bei 8,07 Metern, immerhin fünf hat er in der Waiblinger Feuchtsandgrube geschafft. Dann macht er sich auf den Weg zu einer anderen Station auf dem Gelände. Das abzuschreiten, lohnt sich.

Wunder

Mann des Sportabzeichens

Wolfgang Wunder ist beim VfL Waiblingen seit 50 Jahren für das Sportabzeichen verantwortlich. 150 Helfer hat er für den Tag organisiert, jetzt steht er mit ausgebreiteten Armen auf der Laufbahn und versucht – 20 Meter nach dem Zielstrich – die Kinder des 50-Meter-Sprints einzufangen. Sie würden wohl bis ans Stadionende rennen. Leise schimpft er vor sich hin. In seinem Sportabzeichentreff ist er mehr Ordnung gewöhnt.

Doch trotz des Gewusels auf dem Platz sind die meisten Helfer zufrieden. Die Kinder zeigten sich geduldig und würden durchaus auf sie hören. Auf dem VfL-Rasenplatz, den angrenzenden Fußballplätzen, in der Sporthalle des VfL-Vereinsheims, in der Rundsporthalle, auf der Rems – überall gibt es Angebote. Menschen (Lehrer?) mit Tafeln („Klasse 3 a“) laufen über den Rasen, Grüße werden übers Mikrofon des Stadionsprechers übermittelt: „An unseren coolen Sportlehrer!“

Begehrt

Autogramme der Promis

So ist das bei Kindern: Wenn es Autogramme gibt, holt man sie. Auch, wenn man vielleicht gar nicht weiß, wer da seine Unterschrift gerade aufs Foto setzt. Also schreiben sich Stuntfrau und Moderatorin Miriam Höller, der ehemalige Zehnkämpfer Frank Busemann die Finger wund – und ein Dritter. „He!“, ruft ein Junge seinem Kumpel zu, „bei dem mit der roten Jacke gibt es auch welche!“ Den Namen dieses Mannes sollten sich die beiden Jungs unbedingt merken. Es ist Gerd Schönfelder – der international erfolgreichste Athlet in der Geschichte der Winter-Paralympics. Seine Bilanz bis zu seinem Rückzug im Jahr 2011 lautet 16-mal Gold, viermal Silber, zweimal Bronze. Zudem ist der Bayer, der bei einem Unfall einst den rechten Arm und Finger der linken Hand verlor, 14-maliger Weltmeister und achtmaliger Weltcup-Gesamtsieger. Da darf man schon mal Autogramme geben, liebe Kinder.

Interessiert

Kinder testen Rollstuhl-Fahren

Klar stehen die Disziplinen auf dem Sportgelände im Mittelpunkt. Doch es gibt auch ein Rahmenprogramm. So hat beispielsweise Marcel Pierer, der Leiter der Rollikids des MTV Stuttgart, mit Helfern einen kleinen Parcours aufgebaut. Dort können Kinder ausprobieren, wie es ist, im Rollstuhl zu sitzen und sich damit zu bewegen. Das Angebot wird von vielen genutzt. „Es geht darum, Barrieren und Hemmungen abzubauen“, erläutert Pierer. Bei Kindern sei das kein Problem: „Die setzen sich da rein in die Rollstühle und legen los.“ Erwachsene hätten mehr Berührungsängste. Wie sang einst Herbert Grönemeyer: „Gebt den Kindern das Kommando.“

Wurfglück

Bälle, Büchsen, Scheibe

Am Stand von TV Bittenfeld und AOK scheppert’s. Reihenweise üben sich Kinder im Büchsenwurf, zudem gibt’s eine überdimensionierte Scheibe, die mit Klettbällen malträtiert wird. Die Aktion wird betreut von Felix Lobedank, bis 2018 Erstligaspieler des TVB 1898 Stuttgart. Selbst als es noch schlimm regnete, „haben die Kinder hier fleißig geworfen“. Nicht zuletzt ein Verdienst von Lobedanks Einsatz. Wenn die Kinder nicht zu den Büchsen kommen, muss man eben losgehen und die Kinder zu den Büchsen holen. „Proaktiv“, nennt das Lobedank verschmitzt.

Mit dem Stand werben TVB und AOK für die neue Grundschul-Handballliga, die nach den Sommerferien beginnt. Teilnehmen können Schüler aus dritten und vierten Klassen, Voraussetzung ist die Kooperation Schule – Verein. „Wir wollen möglichst viele ansprechen“, sagt Lobedank. Je mehr es also scheppert, desto besser.

Hauptsache

Gutgelaunte Schüler

Dario Schorpp von der SG Weinstadt legt das Sportabzeichen gemeinsam mit seiner Klasse von der Waiblinger Staufer-Gemeinschaftsschule ab. Und nebenbei noch Hand an: Der 15-Jährige steht barfuß auf der klatschnassen Weitsprunganlage im VfL-Stadion und fegt, nun, da es aufgehört hat zu regnen, mit dem Besen beachtliche Wasserpfützen zur Seite. „Für mich persönlich ist das Wetter nicht so schlimm“, sagt er. „Aber es ist ein kleiner Kampf wegen der Rutschgefahr.“ In diesem Moment ruft sein Lehrer: „Dario, du bist dran!“ Der Schüler stellt den Besen beiseite, nimmt Anlauf und segelt in die Sandgrube. Ein Athlet, der die Anlage, auf der er sportelt, selbst auf Vordermann bringt: der Traum eines jeden Veranstalters.

Auf der anderen Seite des Stadions gönnen sich die 13 Jahre alten Johanna Würsching, Ceylin Cetin und Emilia Seyffer ein Schlückchen Limonade, um für die Wurfdisziplinen gestärkt zu sein. Die Schülerinnen der Klasse 7 a des Welzheimer Limes-Gymnasiums sind wie Schorpp tiefenentspannt. Beim Sprinten sei’s zwar etwas rutschig und die Zeiten deshalb langsamer als normalerweise gewesen – doch halb so wild. Und beim Werfen, seid ihr da gut? „Nö!“, sagen Cetin und Seyffer gleichzeitig und lachen. Würsching hat zwar einen Vorteil, weil sie Leichtathletin ist. Doch auch sie hält sich für keine tolle Werferin: „Ich bin nicht schlecht, aber in anderem bin ich besser.“ Egal, denn: „Hier geht’s ja mehr um den Spaß!“ Was zu beweisen war.